Joachim Schoenecker - Guitarist

1) CD Review 'Blunatic', Alexander Schmitz in 'Jazzpodium', november 2007
(german)

2) Interview by Alexander Schmitz, AGAS, november 2007
(german)

3) Interview with Joachim Schoenecker for 'Archtop Germany', october 2006
(german)

4) Review: Joachim Schoenecker Sextet, Jazzfestival Hilden, may 20, 2007
(german)

1) CD review 'Blunatic', Alexander Schmitz in 'Jazzpodium', november 2007

Joachim Schoenecker beschwört die blue-notigsten Jahre

Harbop lives!

Neues von Joachim Schoenecker, das macht immer neugierig, denn was der Kölner auch anpackt: Es verdient deutlich erhöhte Aufmerksamkeit. Und dass er für Überraschungen gut ist, hat er auch schon hinlänglich bewiesen - man denke beispielsweise an sein 2004er "Nocturne" für Jazzgitarre und Streichquartett.

Dann aber lag ihm die selige Zeit der großen Blue-Note-Alben am Herzen, die große Ära des Bop, die Zeit der kunstvollen Covers, die die ästhetische Sensibilität einer ganzen Generation beeinflussten und ein Signal waren für nicht minder kunstvollen, dabei aber sehr lebendigen, sehr kraftvollen und vor allem wegweisenden Jazz erst à la Trane und Miles und Coleman und dann à la Wayne Shorter, Horace Silver, Bobby Hutcherson oder auch Tony Williams.

Heraus gekommen ist "Blunatic" [Parashoot/LeiCom PARAC003], ein Album, das sich in Ohr und Herz nicht als nostalgische Hinterhertrauerei eingräbt, sondern als gediegene Feier einer Vergangenheit, die ihren Namen eigentlich nicht verdient, weil sie in Wahrheit nie aufhörte, Gegenwart zu sein: Hardbop lives! Und mittenmang steckt Joachim, der Einzelgänger unter Deutschlands nicht eben zahlreichen Mainstreamern der gehobensten Klasse, für den und von dem "Jazzgitarre" immer das war und blieb, was sich zuallererst mit diesem Begriff verbindet.

Elf Stücke hat er zusammengestellt, drei davon Neufassungen bereits erschienener Schoenecker-Arbeiten. Voll besetzt spielt die Schoenecker-troupe zu sechst, mit Hans Dekker am Schlagzeug, Karolina Strassmayer am Altsax, John Marshall, Trompete und Ludwig Nuss, Posaune, wieder John Goldsby am Bass und Joachim wie gewohnt zumeist an der Archtop, aber auch - und in allen Fällen höchst erbaulich - an der Nylonstring in "Dear Old Stockholm", "Burglaria Blues und "Virgo". Den muss man hören einerseits als einen Begleiter, dessen Comping keine Wünsche offen lässt, andererseits als einen offenkundig absolut souveränen Solisten, immer im Gleichgewicht zwischen Linien und Akkorden, wie etwa in "Driftin'", einem Abräumer im allerschönsten Blue-Note-Ambiente mit herrlich relaxtem Medium Tempo Swing und dem klassischen Bläsersound ungefähr à la Jay & Kay im Anschluss an die nicht minder mitreißende Soli-Reihe der Bläser.

"Bud's Beaux Arts" mit seinem furiosen Doppelsolo von Bass und Drums; das rassig vorgeführte Thema von "Back and Forth" oder das Tempo von "Moment's Notice": Das alles sind Highlights, von denen es auf der CD nur so wimmelt. "The Kicker" bietet neben dem in "Black Nile" das vielleicht imposanteste Solo von Joachim (der den Bläsern generell den Vortritt lässt). Seine Nylonstring- Stücke sind, klar, Trio und nicht der einzige Hinweis darauf, dass der Kölner für die Schublade der Adepten oder Epigonen einfach ein Zentnerchen zu groß geraten ist.

Prächtige Bläser-Action, eine hinreißende Rhythmusgruppe und ein Gitarrist, der ohne viel Aufhebens um sich zu machen zeitlosen Jazz erster Güte macht. "Blunatic" ist ein Spitzenalbum. Vielleicht das mitreißendste, das Schoenecker gemacht hat. Mit Sicherheit ein Album unter den großen zwei, drei Highlights des Jahres 2007.




2) Interview by Alexander Schmitz, AGAS, november 2007

Nicht auf den “Mainstreamer” zu reduzieren: Joachim Schoenecker

“Bring ein paar Bläser mit!”


Es ist weit mehr geworden als nur die Begleitmusik zu seiner neuesten Platte, “Blunatic”, die agas zum Album des Monats November gewählt hat. Der Kölner Jazzgitarrist Joachim Schoenecker steht im Mittelpunkt eines groß angelegten Interviews, das nicht nur deshalb so umfangreich wurde, weil es viel zu fragen gab, sondern vor allem, weil der Eindruck eben doch zutrifft, dass dieser exzellente Musiker im allgemeinen nicht viel Lust verspürt, den Hans-Dampf-in- allen-Medien zu geben. Entsprechend interessant und vielfältig ist, was er hier zu sagen hat

agas: Ad personam, aber nur ganz kurz und bündig: Wann und wo geboren, musikalischer Hintergrund, erster Kontakt zur Gitarre überhaupt.

J. S.: Geboren bin ich am 20.07.1966 in Saarbrücken, habe zu Hause viel Musik gehört, mit elf Jahren angefangen Gitarre zu spielen und hatte von Anfang an auch Unterricht in klassischer Gitarre. Dann, noch während der Schulzeit, kam es zur Zusammenarbeit mit amerikanischen Musikern von Air Bases (ich bin in Trier zur Schule gegangen) und lokalen Bands. Dadurch habe ich sehr früh Kontakt mit Formen des Jazz, Soul und Funk - vor allem eigentlich "schwarzer" Musik - bekommen, die in meinem sonstigen Umfeld weitgehend unbekannt waren. Ausserdem habe ich zu der Zeit auch viel ECM-Jazz, zum Beispiel Towner, Metheny und Jarrett, gehört, aber auch andere Musik als Jazz. Ich habe in der Zeit auch einige Stunden von Heiner Franz in Saarbrücken bekommen, der damals in meiner Gegend der einzige war, der vernünftig straight ahead spielen konnte. Nach dem Abitur bin ich dann nach Köln gezogen, wo ich meinen Zivildienst absolviert und, zur Vorbereitung meiner Aufnahmeprüfungen zum Hochschulstudium, Unterricht bei Frank Haunschild genommen habe. Schliesslich habe ich dann zwei Jahre in Hilversum bei Wim Overgauuw, der holländischen Jazzgitarren-Legende, studiert und bin danach an die Kölner Musikhochschule gewechselt, wo ich bei Frank Haunschild mein Studium abgeschlossen habe.

agas: Woher stammt mein Eindruck, dass du innerhalb der deutschen Jazzgitarre-Szene ähnlich wie Michael Arlt und sonst nur noch sehr wenige Musiker so etwas wie ein "stiller Einzelgänger" bist? Zumindest ist das ein bisschen das Bild, das ich von dir habe: Das ist einer, der sich "raus hält und sein Ding macht. Wie stehst du beispielsweise zu den Medien überhaupt und insbesondere zur Fachpresse?

J. S.: Ich weiss, nicht woher dein Eindruck stammt; das kannst du bestimmt besser beantworten als ich. Aber es stimmt schon, dass ich über einige Jahre nicht so wahnsinnig präsent war. Die letzte CD von mir, "Nocturnes", mit Trio und Streichquartett, ist ziemlich bald in der Versenkung verschwunden, weil PR und Vertrieb eine Katastrophe waren. Zum Glück wird sie jetzt wieder im Handel erhältlich sein, rechtzeitig zur Veröffentlichung von "Blunatic" am 30.10.07.. Gespielt habe ich mit dem Projekt auch nur eine Handvoll Konzerte; für Klubs war das Ensemble zu teuer, und die Festivals waren, egal ob im Klassik- oder Jazzbereich, im allgemeinen zu konservativ für dieses Crossover-Projekt. Darüber hinaus hat mich meine Arbeit als Dozent für Jazzgitarre und Ensemblespiel an der Leipziger Musikhochschule recht stark in Anspruch genommen, und ich habe mich sehr wenig um mein Booking gekümmert. Aber das ist jetzt vorbei, und ich konzentriere mich wieder zu hundert Prozent aufs Musikmachen. Im letzten Jahr habe ich so viele Konzerte gespielt wie schon lange nicht mehr und auf mehreren CDs mitgewirkt, unter anderem auf der neusten von Patti Austin, "Avant Gershwin". Ich hatte mehrmals das Vergnügen, mit der WDR-Bigband zusammenzuarbeiten, unter anderem auch auf ihrer New-York-Tournee, wo bei der "IAJE"-Konferenz ein Stück mit Paquito D´Rivera uraufgeführt wurde. Ich habe Musik für einen Dokumentarfilm geschrieben, was mir großen Spaß gemacht hat, und ich kann mir vorstellen, so etwas öfter zu tun. Und ich war mit meinem Trio fürs Goethe Institut unterwegs. Auch fürs nächste Jahr ist schon viel geplant, zum Beispiel eine Duo-Tournee und eine CD-Produktion mit Peter Bernstein und Konzerte mit meinem Trio und Sextett. Ausserdem werde ich auch wieder mehr als Sideman in Erscheinung treten. Trotz allem werde ich vermutlich nie ein Typ sein, der ständig auf Messen rumhängt oder bei irgendwelchen Meetings, weil er meint, dass ihn das irgendwie voranbringt. Ausserdem habe ich Familie, und die ist dankbar, wenn ich auch mal zu Hause bin. Und ich bin nun mal auch niemand, der sich gerne in den Vordergrund spielt. Vielleicht bin auch ein bisschen ein Einzelgänger, aber ganz so still denn doch nicht...

Nun zu deiner Frage: Momentan haben wir hierzulande einerseits die Wahl zwischen Jazz-Zeitschriften, die sprachlich und ästhetisch eher an das Monatsblättchen des lokalen Kaninchenzüchtervereins erinnern, bei oft wenig erhellendem Inhalt, und zum anderen solchen, die trendiger in der Aufmachung sind, aber bei denen sich zuweilen der Eindruck aufdrängt, dass die Macher fehlende musikalische Kenntnisse durch eine Flut von vermeintlich coolen Sprüchen und bunten Bildchen zu überdecken suchen. Aus Musikersicht kommt einem, vor allem bei CD- Rezensionen, unabhängig davon ob sie positiv oder negativ ausfallen, hier erschreckend oft der aus Schulzeiten noch in böser Erinnerung gebliebene Ausdruck "Thema verfehlt" in den Sinn. Leider scheint es da oft weniger um das Verstehen und Vermitteln musikalischer Inhalte zu gehen als um die Profilierungssucht der Schreibenden. Und ich frage mich manchmal, woher diese Leute, angesichts ihrer so offensichtlich mageren fachlichen Qualifikation, die Chuzpe nehmen, ihre Meinung in die Öffentlichkeit hinauszuposaunen. Das finde ich sehr bedauerlich, weil es wirklich wichtig wäre, dass es hierzulande Zeitschriften gibt, die sich in deutscher Sprache, mit Sachverstand und einer zeitgemäßen Präsentation mit dem Thema Jazz beschäftigen. Zumindest wäre das Ergebnis eher etwas, das den Begriff "Fachzeitschrift" verdienen würde. Zum Glück gibt es aber auch bei den momentan existierenden Zeitschriften ein paar Leute, die wissen, worüber sie schreiben.

Bei den Gitarrenzeitschriften scheint es da noch etwas erfreulicher zu sein. "Gitarre & Bass" zum Beispiel hat gerade meinen ersten Solochorus über "Moment´s Notice" transkribiert, um ihn in einem Workshop zu besprechen, und ich wurde gebeten, noch mal drüberzuschauen und ein paar Kommentare dazu abzugeben. Das war alles sehr fachkundig und sauber gemacht. Auf so einer Basis ist es sinnvoll, sich auszutauschen, und der Leser hat einen wirklichen Nutzen davon. Ansonsten muss ich aber zugeben, dass ich aus den genannten Gründen kaum noch lese, was die so genannte "Fachpresse" schreibt... Im Radio wurde der Jazzanteil sehr zusammengestrichen, aber vom WDR weiss ich zum Beispiel, dass er sich sehr um den Jazz bemüht. Auch andere Sender haben noch sehr engagierte Redaktionen. In letzter Zeit höre ich immer öfter von Bekannten, dass sie meine Musik im Radio gehört hätten, was ich natürlich ausserordentlich erfreulich finde. Im Fernsehen findet Jazz kaum noch statt und wenn, dann oft nur durch die ganz großen Namen. Zudem verbreiten manche Moderatoren eine derart unfreiwillige Komik, dass man sich manchmal fragt, wann denn der Interviewte beginnen wird, sich nach der versteckten Kamera umzuschauen. Das Internet gibt Anlass zur Hoffnung für die Zukunft. Voll ausgeschöpft wird es allerdings derzeit eher noch von Leuten, die im Schnitt erheblich jünger sind als diejenigen, die sich für Jazz interessieren. Generell würde ich mir von den Medien eine professionellere Präsentation wünschen und natürlich, dass Jazz wieder einen größeren Raum einnimmt. Auch scheinen mir einige Verantwortlichen unter dem Zwang zu stehen, ständig irgend etwas "Neues" entdecken zu müssen und dadurch fast jegliche Überlegungen bezüglich der Qualität von Musik verdrängt zu haben. Im Übrigen kann ich jedem, der sich mit dem Kulturbetrieb herumplagt, Daniel Kehlmanns großartiges Buch "Ich und Kaminsky" empfehlen. Selten so gelacht...

agas: Welche Art von Kontakt hältst du überhaupt zur deutschen oder auch internationalen Jazzgitarre-Welt? Gewiss wird dich doch interessieren, was so los ist. Verfolgst du das? Informierst du dich? Hörst du die Musik von Kolleg(inn)en? Oder kümmert dich das alles nicht so sehr?

J. S.: Ich bin nicht so wahnsinnig auf Gitarristen fixiert. Mein Interesse gilt eher der Musik im Allgemeinen. Trotzdem habe ich natürlich meine Kontakte und lerne auch weiterhin neue tolle Spieler kennen. Mit Peter Bernstein bin ich wie gesagt im nächsten Jahr unterwegs. Manchmal kontaktieren mich auch Kollegen übers Internet. Auf die Weise habe ich beispielsweise Mike Moreno entdeckt, der mich wirklich beeindruckt, oder auch Torsten Goods.

agas: Würdest du uns zwei, drei Namen von Gitarristen und/oder überhaupt Musikern nennen, die dich interessieren?

J. S.: Ich mag zum Beispiel aus meiner oder der noch jüngeren Generation den eben erwähnten Mike Moreno, dann Kurt Rosenwinkel, Adam Rogers, Peter Bernstein, aber auch viele Nicht-Gitarristen wie Chris Potter, Brad Mehldau. Gary Versace hat mir am Akkordeon sehr gefallen, auch der Tenorsaxophonist Grant Steward, um nur einige zu nennen. Ausserdem gibt es enorm viele junge Talente, die ich gar nicht kenne. Diesen Monat habe ich bei der WDR-Bigband meinen Kollegen Paul Shigihara vertreten und einen 19 jährigen italienischen Altsaxophonisten namens Francesco Cafiso begleitet, der unfassbar spielt. Das tat er übrigens schon als 16jähriger - schau mal bei Youtube rein, da gibt es ein Video in dem er Cherokee spielt... Von dem hatte ich vorher noch nie etwas gehört. Bei der Produktion wurden ausschliesslich junge Talente vorgestellt - wie zum Beispiel der Pianist Pablo Held; und ich muss sagen, dass ich unglaublich beeindruckt war, wie weit die alle mit ihren ungefähr zwanzig Lebensjahren schon sind.

agas: Mir scheint, dass die Öffentlichkeit nicht sonderlich viel über dich weiß. Da wir im Internet-Zeitalter leben und es zum guten Ton gehört, seine URL öffentlich bekannt zu geben, hier nur die Bitte, uns in wenigen Sätzen und gern telegramm-artig deinen künstlerischen Werdegang zu nennen. Wann fing alles an? Ausbildungsphasen, Lehrer, stilistische Einflüsse und Prägungen; erste Auftritte, erste Bands, erste Platte(n).

J. S.: Im Alter von elf Jahren begonnen Gitarre zu spielen, Unterricht in klassischer Gitarre, Liedbegleitung usw. Erste Bands mit 15-16 Jahren; vor dem Abitur erste Fernsehauftritte in lokalen Sendern; Tourneen in europäische Nachbarländer; Zusammenarbeit mit amerikanischen Musikern von Airbases im Umland von Trier. Zivildienst in Köln, Unterricht bei Frank Haunschild, dann zwei Jahre Studium in Hilversum bei Wim Overgauuw und Abschluss des Studiums in Köln bei Frank. Semifinalist der Monk Competition 1995. Erste CD als Leader 1996 aufgenommen, mit Jeff Hamilton, Larry Fuller und John Goldsby, auf dem amerikanischen Label Doubletime Records von Jamey Abersold erschienen Eigentlich hat mich ein Großteil der Jazzgeschichte nach 1950 beeinflusst, natürlich Parker, Miles und Coltrane aber durchaus auch einige Fusion-Aufnahmen von Weather Report oder McLaughlin, auch Bands wie Oregon, Solo- und Trio-Einspielungen von Keith Jarrett oder Sängerinnen wie Joni Mitchell und Ella Fitzgerald habe ich viel gehört. Gitarristisch bin ich, glaube ich, am meisten geprägt worden von Pat Martino, Wes Montgomery, John Scofield, Pat Metheny, Joe Pass, Jim Hall und George Benson... Wobei ich hier bestimmt noch den ein oder anderen vergessen haben dürfte. Eine meiner ersten Jazzgitarre-Platten war "Twin House" mit Coryell und Catherine. Die habe ich eine Zeitlang ständig gehört. Sehr geprägt worden bin ich auch durch die großartigen Musiker, mit denen ich die Ehre hatte aufzunehmen oder auf der Bühne zu stehen, wie zum Beispiel Adam Nussbaum, Chris Potter, Jeff Hamilton, John Goldsby. Mittlerweile sind glücklicherweise noch viele hinzugekommen, die ihre Spuren hinterlassen und mir neue Herangehensweisen an die Musik eröffnet haben... Ich hoffe, dass das nie aufhört, solange ich musikalisch arbeite. Ach ja: Meine URL ist übrigens www.joachimschoenecker.com.

agas: Wie würdest du dich innerhalb der deutschen Jazzgitarre-Szene charakterisieren? Du bist ja nicht unbedingt ein Neutöner, auch kein Freejazzer, also eigentlich kein musikalischer Umstürzler. Ich denke, dich dem modernen und zugleich zeitlosen Mainstream zuzurechnen, dürfte angemessen sein. Und wenn dem so ist: Was unterscheidet dich von anderen Mainstreamern, sagen wir, wie Louis Stewart, Heiner Franz, Helmut Kagerer (die ich alle außerordentlich schätze)? Wie würdest du deine eigene Stimme innerhalb des Chors der deutschen bzw. der europäischen Jazzgitarristica charakterisieren (falls du das kannst)? Vulgo: Was ist "typisch Schoenecker"?

J. S.: Also, mich selber innerhalb einer Szene zu charakterisieren, fällt mir natürlich extrem schwer. Noch unangenehmer finde ich es, mich mit meinen Gitarristen-Kollegen vergleichen oder da Unterschiede herausarbeiten zu sollen. Louis Stewart und Heiner Franz kommen aus einer anderen Generation und sind naturgemäß in jungen Jahren von anderen Einflüssen geprägt worden als ich. Auch zum Thema "Was ist typisch Schoenecker" können Aussenstehende wahrscheinlich mehr sagen als ich selbst.

Aber sei´s drum: Folgendes fällt mir zu mir selbst ein:

Ich denke, ich habe eine Stimme auf der Archtop (und ihren Verwandten, zum Beispiel GB 10 oder 335) und auf der Nylonsaiten-Gitarre entwickelt, die beide unterschiedlich sind, weil beide Instrumententypen unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten bieten. Mein Vokabular ist aber auf beiden Instrumenten sehr ähnlich. Ich mag es, über Stücke mit Changes zu spielen, die eine starke Melodie haben und einen Rhythmus, der mich anspricht, und ich lasse gerne komplexe Dinge einfach klingen. Das vorausgesetzt, bewege ich mich gleich gerne in traditionelleren und modernen Kontexten. Deshalb möchte ich mich auch nicht auf den "Mainstreamer" reduziert sehen. Ausserdem sind mir Tonbildung, Phrasierung, Motivik und Ausdruck sehr wichtig. Ich glaube, ich bin ein ziemlicher Klangästhet, und liebe es, Balladen zu spielen. Wahrscheinlich bin ich im Grunde meines Herzens immer ein akustischer Gitarrist geblieben. Ich hoffe, ich habe genug Geschmack, um Musik zu kreieren, die in sich "rund" und homogen ist, einen gewissen Anspruch hat und trotzdem den Zuhörer berührt. Aber das können andere besser beurteilen. Zumindest bemühe ich mich darum.

agas: Kurz ein bisschen was zu deinen Platten. Wie viele Alben gibt es seit wann mit Dir als Leader?

J. S.: Vier Alben seit 1997: "Common Language" mit Jeff Hamilton, Larry Fuller und John Goldsby), "In The Moment" mit Chris Potter, Adam Nussbaum und wieder John Goldsby, "Nocturnes" mit Dietmar Fuhr, Chander Sardjoe und dem Minguet Streichquartett und jetzt "Blunatic" mit John Marshall, Karolina Strassmayer, Ludwig Nuss, auch wieder John Goldsby und Hans Dekker.

agas: Dann mal direkt zum neuesten Album, "Blunatic". Sag uns etwas zur Grundidee für dieses Album, zu seiner Entstehung, den Mitmusikern und der Auswahl der Titel.

J. S.: In Köln hatte eine neue Spielstätte eröffnet, in der ich gerne mit meinem Trio auftreten wollte, das "Alte Pfandhaus", und ich hab' dort nachgefragt. Alexander Sandmann, der dort das Programm macht, sagte: "Klar du kannst hier spielen, aber hast du nicht Lust, ein paar Bläser mitzubringen?" Ich habe dann drei Bläser ausgesucht, mit denen ich gerne spiele. Dass die - genau wie meine Rhythmusgruppe - auch Mitglieder der WDR-Bigband sind, war reiner Zufall. Meine nächste Überlegung war: Wie kann ich, ohne das Rad neu zu erfinden und ohne groß zu proben und zu schreiben - dafür war einfach keine Zeit mehr - ein Programm auf die Beine stellen, mit dem alle vertraut sind und unter dem das Publikum sich auch etwas vorstellen kann? Das brachte mich auf die Idee, einen Blue-Note-Tribute-Abend zusammenzustellen. Das Konzert wurde ein voller Erfolg. Im Publikum war auch Alexander Moths von Parashoot, der schon meine letzte CD "Nocturnes" produziert hatte. Und der war von dem Konzert so angetan, dass er spontan vorschlug, die nächste CD doch in dieser Besetzung zu machen. Natürlich war mir klar, dass ich nicht einfach Blue-Note-Klassiker eins zu eins nachspielen und aufnehmen konnte; also habe ich einiges an den Originalarrangements verändert, teilweise auch ein bisschen modernisiert. Auch John Goldsby hat zwei tolle Arrangements beigetragen. Wichtig war mir aber, dass die Änderungen moderat sind und die Stücke in ihrem Originalcharakter erhalten bleiben. Manchmal sind nur Kleinigkeiten verändert worden, wie die Akkorde der Bridge von "Black Nile" oder der Tag und die Breaks bei "Moment´s Notice" oder auch mal gar nichts, wie bei "The Kicker". Einige wenige Stücke sind auch grundlegend überholt worden, wie "Midnight Blue" oder "Dear Old Stockholm". Dann habe ich auch noch zwei meiner eigenen Kompositionen dazugepackt. Ich denke, alles zusammen – dazu noch die Tatsache, dass die Gitarre das bei Blue-Note-Aufnahmen eher eingesetzte Klavier in der Rhythmusgruppe ersetzt - gibt den Aufnahmen die gewünschte Eigenständigkeit.

agas: Wie siehst du "Blunatic" innerhalb der Reihe deiner bisherigen Veröffentlichungen? Wo reiht das Album sich ein? Wo fällt es aus der Reihe heraus - kurz: Was ist an ihm "typisch Schoenecker" und was macht es zu einem besonderen Album? Ich gehe mutig davon aus, dass du es wie eigentlich alle Kollegen hältst und dein jeweils neuestes Album als dein bestes ansiehst. Wenn das so ist: Warum?

J. S.: Ich denke, das Besondere an diesem Album erschließt sich sehr schnell, wenn du dir ein Stück wie "Virgo" anhörst. Diese Ballade von Wayne Shorter, im Original mit Saxophon, Klavier, Bass und Drums aufgenommen, ist, so weit ich weiß, noch nie im Gitarrentrio mit einer akustischen Nylonsaitengitarre eingespielt worden. Man hört immer noch die gleiche großartige Komposition, aber sie hat ein neues Gesicht bekommen, neue Facetten werden sichtbar, die bislang noch nicht mit diesem Stück in Verbindung gebracht worden waren. Das zeigt, dass man Musik auch innerhalb bestehender Strukturen erneuern und mit persönlichen Ausdruck versehen kann. Dies wird oft von der Kritik übersehen. Was das Album für mich außerdem zu etwas Besonderem macht, ist, wie wir es eingespielt haben. Da ich den alten Aufnahmen auch atmosphärisch nahe kommen wollte, ohne sie durch die Editier- und Korrekturmöglichkeiten moderner Studiotechnik zu steril klingen zu lassen, habe ich auch versucht, die Rahmenbedingungen etwas ähnlich zu gestalten. Es gab also lediglich eine Probe in der Woche der Aufnahmen, von jedem Stück nur ein bis zwei Takes (in Ausnahmefällen auch mal drei), so gut wie keine nachträglichen Fehlerkorrekturen, Live-Einspielung in einem Raum (bis auf das Schlagzeug, das war natürlich auch live dabei, aber in einer Kabine). Und ich muss sagen: Das hat riesigen Spaß gemacht! So leicht ist es mir noch nie zuvor gefallen, eine CD einzuspielen. Ob es mein bestes Album ist; was daran für mich typisch ist - solche Dinge zu beurteilen überlasse ich lieber anderen. Ich bin jedenfalls sehr zufrieden mit dem Ergebnis!

agas: Bist du viel live unterwegs? Gigs? Touren, Konzerte, Festivals? Wenn ja: Was bedeutet dir das Auftreten? Bist du lieber auf der Bühne oder im Studio?

J. S.: Ich habe gut zu tun und arbeite stark daran, das noch auszubauen. Konzerte zu geben, ist das, was mir am meisten Spaß macht. Im Studio bin ich auch gerne, aber das ist etwas völlig anderes. Im letzten Jahr war von allem etwas dabei: Tourneen, Festivals, Klubs, aber auch kommerzielle Gigs und Studioarbeit.

agas: Unterrichtest du? Wenn ja, wen und wo und seit wann?

J. S.: Ich unterrichte zurzeit nicht regelmässig, gebe aber vereinzelt mal eine Stunde an wirklich Interessierte. Ich habe sechs Jahre Unterrichten an einer Hochschule hinter mir, und davor habe ich, seit ich 18 war, immer an irgendwelchen Musikschulen unterrichtet, meistens zwei Tage die Woche. Momentan genieße ich es sehr, mich ausschliesslich aufs Spielen zu konzentrieren.

agas: Wie übst du? Hältst du dabei bestimmte Ordnungssysteme (Skalen oder ähnliches) ein, oder übst du eher "intuitiv", also Stimmungen folgend? Ich habe das Gefühl, dass du eher ein sehr disziplinierter Mensch bist. Stimmt das?

J. S.: Ich übe heute völlig anders als früher. Früher war ich sehr systematisch, habe ein Programm gehabt, das ich täglich weiter verfolgt habe und war auch sehr diszipliniert. Heute arbeite ich meist an ganz konkreter Musik für Konzerte oder Studioaufnahmen. Das sind dann Arbeitsphasen, in denen ich sehr diszipliniert bin und andere Dinge ziemlich in den Hintergrund rücke. Aber jeden Tag mehrere Stunden konzeptionell üben - das geht nicht mehr, dafür bin ich mit zu vielen organisatorischen Dingen beschäftigt, mit der geschäftlichen Seite meiner Arbeit, sozusagen, und ich habe wie gesagt auch noch eine Familie, die meine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Trotzdem schaffe ich es glücklicherweise immer wieder, mir musikalisch neue Gebiete zu erschliessen. Also: Ich habe das Üben ja nicht drangegeben. Ich tue es nur halt nicht mehr mit der Ausschliesslichkeit, die ich mit 20 hatte.

agas: Wie komponierst du? Gehörst du zu den spontanen Tonsetzern oder zu den konzeptionell arbeitenden, die den Musenkuss nicht unbedingt brauchen, weil sie ihre Arbeit systematisch "entwickeln"?

J. S.: Ich komponiere nicht konzeptionell und muss mich auch oft dazu zwingen, Phasen einzubauen, an denen ich mich fast ausschliesslich mit Komponieren beschäftige. Das ist für mich meist ein relativ anstrengender und konzentrationsintensiver Prozess. Dass mir da Ideen zufliegen, passiert verhältnismäßig selten, und wenn, dann sind das meistens meine gelungensten Stücke.

agas: Kurz ein bisschen was über deine Hauptinstrumente und dein Equipment. Was für Saiten? Was für ein Amp - so was.

J. S.: Auf "Blunatic" spiele ich eine Ibanez GB 10 vom Baujahr '82 mit 14er Thomastik Bebop Saiten über einen Fender Custom Vibrolux Reverb Amp. Dann ist da noch meine Takamine Nylonsaiten-Gitarre als rein akustisches Instrument. Live verstärke ich sie über einen AER Bingo. Ausserdem arbeite ich oft mit meiner Benedetto "Manhattan", gegenwärtig gerne - aber nicht auf "Blunatic" - mit einem alten Polytone Minibrute mit 12er Speaker, einem Amp aus den 80ern. Ich habe natürlich noch andere Gitarren, aber die genannten sind halt doch meine Hauptinstrumente.

agas: Wie siehst es aus mit dem Ausland: Gibt es da nennenswerte Reaktionen auf deine Platten und/oder Auftritte? Wenn ja, wo überall? Hast du deine Fühler auch schon Richtung USA ausgestreckt?

J. S.: Wenn ich Reaktionen auf meine CDs oder Konzerte aus dem Ausland bekomme, sind die immer sehr positiv. Meine letzte CD, die in den USA besprochen worden ist, war "In The Moment", und da gab es tolle Kritiken zum Beispiel bei allaboutjazz.com oder beim "JazzTimes" Magazin, wo ein Kritiker die CD zu den Top 5 des Jahres gewählt hat. Ich bekomme auch immer wieder E-Mails aus allen möglichen Ländern, von Leuten die meine CDs gekauft haben und sie sehr mögen, aber auch von solchen, die sie gerne kaufen würden, aber nicht wissen, wo. Das wird sich hoffentlich bald ändern. Auch Kollegen melden sich immer mal wieder, stellenweise aus Ländern, von denen ich gar nicht wusste, dass meine CDs dort vertrieben werden. Meine Fühler in Richtung USA habe ich insofern ausgestreckt, als dass ich immer wieder mit hervorragenden amerikanischen Musikern arbeite, wie zum Beispiel – ich sprach schon drüber - im kommenden Jahr mit Peter Bernstein. Ausserdem ist mein Debüt ja auch auf einem amerikanischen Label erschienen.

agas: Managt du dich selbst, oder gehörst du zu den Glücklichen mit einer Agentur bzw. eigenem Management? Oder brauchst du so was nicht?

J. S.: Ein wirkliches Management habe ich nicht, wohl aber eine Agentur, die einen Teil meines Bookings übernimmt. Das ist Infocom Music aus Köln, zu der die Plattenfirma Parashoot gehört, die meine letzten beiden CDs produziert hat. Den größten Teil des Bookings mache ich allerdings noch selbst.

agas: Gibt es irgend etwas, das hier nicht erfragt worden ist, aber worüber du gerne etwas sagen möchtest - zum Beispiel über die Branche, den Umgang mit Veranstaltern, kurzum: über Missstände und Lobenswertes, Überlegungen, Zurückhaltungen, Kritik, Zuspruch?

J. S.: Ich würde mir wünschen, dass es für den Jazz eine breitere und professionellere Plattform in der Öffentlichkeit gäbe. Vor allem die Medien könnten sich durch eine zeitgemäßere und häufigere Präsentation mehr bemühen. Ich denke, dass die Verantwortlichen auch das Publikum oft unterschätzen. Man könnte viel mehr Menschen für diese großartige Musik gewinnen, wenn man sie mehr darüber wissen ließe. Hierzulande sind lange Zeit Formen des Jazz propagiert worden, die ich mir auch nicht freiwillig anhöre, nur weil irgendwelche ideologisch vernebelten Typen mit obskurem Geschmack sich im Kulturbetrieb profilieren wollten. Auch wurde von ihnen nicht selten Dilettantismus mit Innovation verwechselt. Da kann man dem ungeschulten Publikum seine Berührungsängste nicht zum Vorwurf machen. Niemand würde von einem Fußballtrainer verlangen, dass er, um ein eigenes Konzept zu präsentieren, den Torwart stürmen lässt, die Zahl der Spieler halbiert und Flanken verbietet. Etwas Ähnliches scheinen aber manche Kritiker von uns Musikern zu erwarten. Veränderungen in den festen Grenzen eines vorgegebenen Rahmens zu erkennen und zu würdigen, setzt allerdings eine bestimmte Sachkenntnis voraus. Bis vor einigen Jahren hatte ich die Befürchtung, dass das Jazzpublikum zunehmend vergreist und irgendwann verschwindet, weil keine neue Zuhörerschaft nachwächst. Das hat sich aber glücklicherweise so nicht bewahrheitet. Heute glaube ich, dass viele Musikkonsumenten, wenn sie die 30 überschritten haben, allmählich die Nase voll haben von dem infantilen Gedudel, mit dem sie von den Plattenfirmen überschwemmt werden und sich auf die Suche begeben nach einer reiferen, sagen wir: "erwachseneren" Musik, die ihren gestiegenen Ansprüchen gerecht wird. Viele beginnen sich da auch für Jazz zu interessieren, und man könnte ihnen vieles erleichtern, wenn die Medien sie so informieren würden, dass es ihnen eher möglich wäre, entsprechend ihrer persönlichen Vorlieben zu selektieren.






3)
Archtop-Germany Interview mit Joachim Schoenecker vom 10.10.2006
© 2006 Stephan Neetenbeek
http://www.archtop-germany.de
Joachim Schoenecker


Joachim Schoenecker ist einer der wenigen deutschen Jazzgitarristen, die auch international Aufmerksamkeit erhalten. So betitelte ihn das amerikanische Online Magazin All About Jazz als „Germany’s best kept secret“. Aber so geheim ist die Musik Joachim Schoeneckers gar nicht mehr, denn seine vielfältigen nationalen und internationalen Aktivitäten, als Leader wie als Sideman, bescheren ihm beachtliche und wachsende Popularität. Auf mittlerweile drei CDs ist sein schöner Ton und sein einfühlsames, aber auch explosives Spiel zu hören, eine weitere ist in Vorbereitung.

Im Interview erzählt Joachim Schoenecker über seine Musik, Erlebnisse und Herausforderungen bei seinen Konzertreisen, Terminschwierigkeiten bei seinen Produktionen mit internationalen Stars, schöne aber launische Gitarren und seine Pläne für die Zukunft.

Lass uns zunächst über deine Ausbildung reden. Du hast in Hilversum studiert.

Ja, ich habe in Hilversum studiert, für 2 Jahre, und dann in Köln. In Hilversum hatte ich bei Wim Overgaauw Unterricht, das war zu der Zeit der Vater aller holländischen Jazzgitarristen, mittlerweile ist er leider verstorben. Und dann war ich in Köln bei Frank Haunschild.

Danach bist du nach Amerika gegangen?

Nein, ich war zwar ein paar Mal drüben, unter anderem wurde ich als Halbfinalist in der Thelonious Monk Competition nach Washington eingeladen. Ansonsten war ich während des Studiums und danach einige Male da, um Urlaub zu machen und Leute zu hören, aber immer nur für eine Woche oder so.

Du hast einige Platten mit amerikanischen Musikern aufgenommen.

Ja, aber das haben wir hier gemacht. Meine erste CD ist auf dem amerikanischen Label „Doubletime-Records“, von Jamey D. Aebersold, erschienen, die habe ich in Holland eingespielt, mit Jeff Hamilton, Larry Fuller und John Goldsby. John lebt ja eh hier, als Bassist der WDR Bigband, und Hamilton war damals öfter als Gast bei der Bigband. Er ist ab und zu eingestiegen wenn ich in Köln gespielt habe, so hat sich das ergeben.

Vergleicht man deine ersten beiden CDs, kann man eine deutliche Entwicklung erkennen, sowohl was die Spielkonzepte angeht, als auch in deinem Gitarrenton, der viel voller und räumlicher wird.

Die zweite CD war sicherlich konzeptionell etwas völlig anderes, auch durch die Wahl der Musiker. Die erste CD war ja sehr mainstreamig, traditionell. Das war das, womit ich mich die Jahre zuvor hauptsächlich beschäftigt hatte. Ich dachte dann, es wäre an der Zeit, etwas Neues zu machen und habe mir auch bewusst die Musiker dafür ausgesucht. Mit Adam Nussbaum am Schlagzeug und Chris Potter am Saxophon gehst du natürlich automatisch in eine andere musikalische Richtung. Ich habe die Stücke für die CD speziell für diese Besetzung geschrieben, John Goldsby hat dann auch noch eins beigesteuert.

Das hat tatsächlich meinen Horizont erheblich für modernere Klänge geöffnet, auch für modernere Herangehensweisen. Ich glaube, das war eine gute Entscheidung zu der Zeit, ich habe viel gelernt und mein musikalisches Ausdruckspektrum ist wesentlich breiter geworden. Außerdem war es natürlich eine tolle Erfahrung mit solch großartigen Musikern auf der Bühne und im Studio zusammenzuarbeiten. Mit Nussbaum habe ich dann auch noch zwei Tourneen gespielt.

Potter und Nussbaum sind ja sehr bekannte Musiker. Wie bist du an die herangekommen?

Bei Nussbaum war es wieder das Gleiche wie bei Hamilton. Es ist so, dass die WDR Bigband über Jahre keinen festen Drummer hatte und deshalb immer irgendwelche Stars eingeladen hat: Nussbaum war dabei, Hamilton, Peter Erskine, John Riley und solche Leute; ich habe dann im Laufe der Jahre mit all denen auch gespielt. Das war eine gute Zeit in Köln, solche Typen vor Ort zu haben und mit ihnen spielen zu können ist phantastisch.

Nussbaum habe ich einfach gefragt, ob er mitspielen würde auf meiner CD und das war auch völlig unproblematisch, er hat direkt zugesagt. Ein bisschen schwieriger war es mit Chris Potter, nicht weil er nicht wollte, sondern weil er wahnsinnig beschäftigt ist. Das terminlich zusammenzukriegen war ein echtes Problem.

Er hatte vor unserer Produktion auf einem Festival in Israel gespielt und direkt nach unseren Aufnahmen hatte er wieder was in New York. Da waren also genau zwei Tage dazwischen, die er dann hier war, in denen wir die CD aufgenommen haben. Wir haben ein Konzert gespielt in Düsseldorf in der Schmiede, das vom WDR aufgenommen worden ist, da haben wir das erste Mal zusammen gespielt. Wir haben uns erst nachmittags getroffen, ich habe ihm die Sachen hingelegt und wir haben die Themen einmal angespielt, das war´s dann bis zum Konzert. Am nächsten Tag waren wir im Studio und haben die Aufnahme gemacht – und dann war er wieder weg.

Volles Programm.

(Lacht) Aber der Typ ist ein so fantastischer Musiker, da ist das gar kein Problem.

Es gibt auf der CD ein schönes Duo, „Three“, in dem man hört, dass Ihr sofort harmoniert.

Das hat ganz gut funktioniert, ja.

In dem Stück „Taxi of the Desert“ spielst du schöne Quartvoicings – auch ein Versuch, modern zu klingen?

An den Quartakkorden ist ja nichts so wahnsinnig modern, die sind ja schon seit den Sechzigern sehr populär, Coltrane/McCoy Tyner haben das schon gemacht, das ist nicht unbedingt ein Kriterium für Modernität. Es ist halt ein Klang, ein bestimmter Sound.

Reden wir mal weiter über Sound. Du hast eine ganz besondere Gitarre ...

Ja, das ist eine Benedetto Manhattan, das war ein Geschenk der Stiftung, Kunst und Kultur der Landes NRW, heute heißt sie Kunststiftung NRW.

Wie kommt man zu so einem Geschenk?

Wie kommt man dazu? Also, ich wollte eine neue Gitarre haben, die alte war zwar auch sehr gut, aber es haben ein paar Nuancen gefehlt, die ich mir gewünscht hätte. Und dann habe ich mir gedacht, warum es nicht gleich richtig probieren und mal verschiedene Kulturstiftungen anschreiben, ob sie das teilfinanzieren oder sich irgendwie beteiligen wollen. Im klassischen Bereich ist das ja durchaus üblich wenn Instrumente hochwertiger sind.

Und so eine Benedetto kostet ja über $ 20.000, das war noch eine, die er selbst gebaut hatte, nicht aus dem Customshop von Guild. Ich habe also diverse Stiftungen angeschrieben und Kunst und Kultur hat sich sofort gemeldet, nach zwei Wochen riefen die an und fragten, ob ich das Geld in Form einer Schenkung oder eines zinslosen Kredits haben wollte.

Wofür hast du dich entschieden?

(Lacht) Kannst du raten! Also, das war sehr unkompliziert.

Und ist die Gitarre das viele Geld wert?

Ja, auf jeden Fall, das ist ein tolles Instrument, das super klingt und sehr edle Hölzer hat und auch toll verarbeitet ist. Es zwingt einen ein bisschen, in eine bestimmte Richtung zu spielen, also, es ist nicht sehr variabel, halt der klassische akustische Archtop-Sound, den du verstärken kannst bis zu einem gewissen Punkt und dann ist Schluss, weil es dann anfängt zu koppeln. Für bestimmte Sachen ist die Benedetto ideal, für andere ist sie nicht so toll.

Sie klingt nicht mit allen Amps gut, man sollte ein bisschen wählerisch sein mit den Kabeln, man muss sich also wirklich einen Kopf machen, wenn man das Optimale rausholen will. Es ist kein Instrument, das du einfach mitnimmst, wenn du irgendwo einsteigst, oder wenn du auf einem Festival spielst, wo irgendein Verstärker steht.

Dafür nimmst du dann ein anderes Instument?

Genau, dafür habe ich diverse andere Sachen. Wofür die Benedetto ideal ist: Ich habe zum Beispiel jetzt im März eine Produktion mit der WDR Bigband gespielt, mit Patti Austin, ein Gershwin Programm– es gab ein Konzert in der Philharmonie und vorher eine Aufnahme – da ist die Gitarre wunderbar, wenn du so Freddy Green-mäßig Rhythmus spielst oder fast akustisch Akkorde unterlegst, da hat sie wirklich ihre Stärken.

Hast du da rein akustisch gespielt?

Ich hatte ein Mikro vor der Gitarre, aber auch noch eins vor dem Amp, der war nur minimal aufgedreht und dann geht das wunderbar.

Welchen Verstärker benutzt du für so etwas?

Für die Benedetto nehme ich vorwiegend mein AER Equipment. Ich habe auch mal eine Zeit lang einen Boogie Mark 3 gespielt, das hat auch funktioniert. Jetzt habe ich einen Fender Vibrolux Reverb, der mir noch besser gefällt, wenn ich elektrischer klingen will. Damit habe ich sie aber noch nicht probiert.

Im Moment benutze ich sie auch nicht so viel, ich spiele meist andere Gitarren. Gerade wenn du ein bisschen flexibler sein willst, dich in moderneren Kontexten bewegst, stößt du mit einer akustischen Archtop-Gitarre leicht an Grenzen. Es geht um Attack und Sustain, oder Legato-Spielen. Das ist keine Frage der Finger, der Ton ist einfach sehr perkussiv und von Natur aus auch nicht wahnsinnig lang. Wenn du das vergleichst mit einer 335 zum Beispiel, die hat, durch den Sustain-Block und wie das Instrument aufgebaut ist, kaum Attack, aber endloses Sustain, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Ich habe natürlich versucht zu tricksen, mit Hallgeräten und verschiedenen Sachen, das geht auch bis zu einem gewissen Punkt, aber die Gitarre macht es einem nicht leicht, und man bewegt sich nicht organisch in diesen Zusammenhängen. Wenn du traditionellen Mainstream spielst, ist sie super, aber sobald du was anderes spielst, wird es schwierig.

Welche Saiten nimmst du für die Gitarre?

Auf der Benedetto benutze ich die Thomastik Bebop Saiten, Standard 14er Satz.

Ist dein Setup für Aufnahmen das gleiche wie live?

Man muss jetzt sagen – wir haben gerade nur von einer Gitarre gesprochen – ich habe viele Gitarren: akustische, Steelstring-, Nylonstring-Gitarren, welche die man verstärken kann, andere, die nur akustisch gespielt werden, nur fürs Studio. Ich habe eine 335-Kopie von Epiphone, eine Sheraton 2, die ich auch gerne benutze. Im Moment spiele ich, wenn es irgendwie elektrisch sein soll, fast ausschließlich eine GB 10 von 1982, eine kleine Ibanez George Benson, die super flexibel ist, mit der du wirklich alles spielen kannst im Jazzbereich. Ich habe sie übrigens über eine Anzeige bei Archtop - Germany gefunden. Sie vereinigt für mich ein bisschen die Qualitäten einer Archtop und einer 335.

Das ist also im Moment deine Arbeitsgitarre?

Das ist meine Arbeitsgitarre, die du einfach mitnimmst und in den Verstärker steckst – egal in welchen – und es klingt. Das Ding funktioniert einfach.

Wogegen die Benedetto eher eine Diva ist?

Genau. Und außerdem kannst du mit einer Gitarre, die so wertvoll ist, nicht überall spielen. Du spielst halt nicht immer nur in Konzertsälen, sondern auch mal in einer Kneipe, für kleines Geld oder weil es dir Spaß macht. Und dann hast du Angst, dass die Leute in die Gitarre reinfallen, sie umwerfen oder ein Tontechniker mit einem Mikrophon dagegen donnert, also, du hast dann keinen entspannten Abend. Die Ibanez ist da wunderbar, du willst zwar auch nicht, dass da was drankommt, aber du kriegst nicht bei jedem kleinen Kratzer einen Herzinfarkt...

Als Setup für diese und die anderen elektrischen Gitarren benutze ich meinen Fender Custom Vibrolux Reverb, den mir übrigens Peter Bernstein empfohlen hat. Er setzt sich gut durch und man verrenkt sich beim Transport nicht den Rücken. War ein guter Tipp. Ich wollte mir eigentlich noch einen kleineren kaufen, aber der wäre ein bisschen zu schwach gewesen. Für die akustischen Gitarren habe ich den AER Bingo und Erweiterungsboxen.

Also ein modulares Setup.

Genau. Für AER bin ich auch Endorser, da stehe ich auch dahinter, die Sachen sind richtig gut, nicht für den elektrischen Sound, aber für alles Akustische.

Du hast über das Goethe Institut und das Auswärtige Amt viel in Afrika und im nahen Osten gespielt?

Viel wäre jetzt übertrieben, ich habe zwei, drei Tourneen gespielt, über das Auswärtige Amt und das Goethe Institut. Wir haben im Sudan gespielt, in Ägypten und in der Türkei.

Ich kann mir vorstellen, dass im Sudan die Bedingungen etwas andere sind als hier in Deutschland?

Ja, logisch. Das fing damit an, dass wir lange darauf gewartet haben, bis der Bass aus dem Zoll kam. Wir haben natürlich die Instrumente, bis auf die Gitarre, vorgeschickt. Obwohl wir den Kontrabass und auch das Schlagzeug mit Cargo vorgeschickt hatten, kam das nicht rechtzeitig zum ersten Konzert aus dem Zoll, es steckte da also fest und die Botschaft musste endlos mit dem Zoll verhandeln, um die Sachen da herauszukriegen.

Beim zweiten Konzert hatten wir dann den Kontrabass, der war aber in zwei Teile zerspungen, so dass wir den auch nicht benutzen konnten. Wir haben uns dann einen in Khartum geliehen. Die haben da auch eine Musikakademie, das ist natürlich nicht vergleichbar mit einer Hochschule hier, alles ein bisschen improvisiert.

Es war super spannend. Khartum ist mitten in der Wüste und wir haben dann auch Trips in die Wüste gemacht und uns Pyramiden angeschaut.

Also habt ihr auch ein bisschen in Tourismus gemacht?

Ja, und das ist schon ein Privileg, denn im Sudan gibt es eigentlich keine Touristen. Wenn, dann hast du irgendwelche Archäologen, die ein Heidengeld dafür bezahlen müssen (pro Tag!) sich ein bisschen durch die Gegend bewegen zu dürfen.

Wie regierte das Publikum dort auf eure Musik?

Das Publikum war angetan, die sind da sehr offen, die Menschen denen wir da begegnet sind waren ohnehin alle ausgesprochen warmherzig und freundlich. Ich hatte das Gefühl, denen hat es großen Spaß gemacht.

Die Informationen auf deiner Website enden 2004. Was ist seitdem passiert?

Ja, ich bin dabei, mich um eine neue Website zu kümmern. Ich habe inzwischen noch eine CD gemacht mit einem Streichquartett, „Nocturnes“, die ist seit zwei Jahren draußen.

Das habt ihr auch aufgeführt?

Wir haben ein paar Konzerte gespielt. Damit kann man allerdings nicht so wahnsinnig viel spielen, weil erstens die klassischen Veranstalter – ich hatte mir erhofft da ein bisschen reinzurutschen – doch wesentlich konservativer sind als ich gedacht hatte, und für andere Veranstalter die Streicher oft einfach zu teuer sind. In einem normalen Club kannst du das vergessen, das geht nur für Festivals oder Konzertsäle.

Im Club wäre wohl auch die Akustik zu schlecht?

Ja, wir haben ein paar Mal gespielt, so vier, fünf Konzerte, das war’s leider. Das liegt so ein bisschen auf Eis. Ich arbeite gerade an einer neuen CD, die ich Mitte Dezember aufnehmen werde. Das ist eine Hommage an Blue Note, vorwiegend Stücke, die in den 60ern von Blue Note Künstlern geschrieben wurden. Die CD wird zur Hälfte im Trio, mit John Goldsby und Hans Dekker, und zur anderen Hälfte im Sextett eingespielt werden. Dafür kommen noch drei Bläser, John Marshall, Trompete, Carolina Strassmeier, Altsaxophon und Ludwig Nuss, Posaune, dazu.

Also eine klassische Hardbop Bläserfront ...

Genau. Wir haben jetzt auch ein Konzert gespielt im Kulturzentrum „Altes Pfandhaus“, in Köln, das ist super gut angekommen. Die CD kommt wohl so im mittleren bis späten Frühjahr 2007 raus.

Spielst du viel mit eigenen Projekten?

Alles mögliche, eigene Sachen, dann werde ich angerufen für Projekte oder ich bin Sideman in bestehenden Formationen. Dann kommt noch ein bisschen Studioarbeit hinzu. Es läuft gut im Moment.

Welche Pläne hast du sonst für die Zukunft?

So viele gute Gigs spielen wie möglich, was zurzeit ja auch prima funktioniert. So viel wie dieses Jahr habe ich schon lange nicht mehr gespielt. Ich habe ja auch mal sechs Jahre an einer Hochschule unterrichtet, in Leipzig, aber das ist seit einem Jahr vorbei. Im Moment spiele ich also ausschließlich und das geht sehr gut. Das Jahr hat damit angefangen, dass ich mit der WDR Bigband in New York war für zwei Konzerte, dann habe ich auf einem Festival in Österreich gespielt und in Luxemburg. Also ab und zu komme ich immer mal raus. Sonst spiele ich in ganz Deutschland verteilt, natürlich auch viel regional. Es kommt alles Mögliche zusammen. Wenn sich das weiter so entwickelt, ist alles wunderbar.


4)
Konzertkritik Joachim Schoenecker Sextett, Jazzfestival Hilden, 20.April 2007
OPINION - NGZ-Online
von Schäfer. Neuland | Leichlingen |
 

Joachim Schönecker und die WDR All Stars in der Stadtbücherei Hilden
Nach den überwältigenden Klangorgien des Orchestre National du Jazz Luxembourg am Sonntagnachmittag – leider litt das Ensemble unter einem gewissen Mangel an differenzierter Dynamik und vergebener Möglichkeiten einer einmaligen Orchesterbesetzung (u.a. mit zwei Waldhörnern und Tuba), fanden die diesjährigen Hildener Jazztage für Puristen einen versöhnlichen Abschluss und Höhepunkt.

Joachim Schönecker, Gitarre, hatte aus Mitgliedern der WDR Big Band ein repräsentatives pianoloses Sextet zusammengestellt: John Marshall, Trompete, Karolina Strassmayer, Altsaxofon, Ludwig Nuss, Posaune, John Goldsby, Bass und Hanns Dekker, Schlagzeug.

Um es vorwegzunehmen, für Liebhaber des sogenannten „Blue-Note-Jazz“ gab es ein richtiges Festival: Herbie Hancocks selten gespieltes bluesiges „Driftin“ aus seinem Album „Takin’ Off“, Wayne Shorters „Black Nile“ mit seinen fließenden Bewegungen, Joe Hendersons „The Kicker“ (mit Horace Silver aufgenommen) oder Kenny Burrels „Midnight blue“.

Schon der Einstieg in das Konzert begeisterte. Joachim Schöneckers Gitarre, begleitet von Dekker und Goldsby, sorgte mit Buddy Montgomerys „Beaux Arts“ – erstmals 1960 von den Montgomery Brothers auf Fantasy erschienen – für die richtige Einstimmung. Als Meister seines Fachs präsentierte er Akkordstrukturen à la Burrell und Montgomerys Oktavfolgen.

Das komplette Sextet stellte dann nacheinander die oben erwähnten „Blue-Note-Gems“ vor.
Besonders beeindruckend war zum einen Coltranes „Moment’s Notice“ aus dem Album „Blue Train“, dass sich zwar in der Gestaltung eng an das Original anlehnte, aber einen besonders glänzenden Abschluß durch ein ausgedehntes Arco-Solo von John Goldsby fand.

John Goldsbys Arrangement von „ Dear Old Stockholm“ war der Höhepunkt des Konzertes.
Wer die Stan-Getz-Urversion des schwedischen Volksliedes „Ak Värmeland du sköna“ aus dem Jahre 1951 und viele spätere Aufnahmen kennt (z.B. Miles Davis, Donald Byrd oder Renée Rosnes) musste erkennen, dass die strukturellen Möglichkeiten des Stückes offenbar noch längst nicht ausgeschöpft sind. Ein feines instrumentales Geflecht, ausgeführt vom Altsaxofon Karolina Strassmeyers und der Posaune von Ludwig Nuss, umspann das Leitthema, gespielt von John Marshall. Darin eingebettet Soli aller Musiker. Eine aussergewöhnliche Version.

Abgerundet wurde das Programm durch Lee Morgans „ Sidewinder“ , einer Eigenkomposition von Schönecker „Back & Forth“ und einer Bopvariante Sonny Stitts zu „I Got Rhythm“.

Es war ein begeisternder Abend: John Marshall, ein Trompeter, der mich in seiner Art zu spielen, oft an Maynard Ferguson erinnert. Ein echter Mr. High Pressure. Ludwig Nuss, der mit seiner Posaune auf Virtuosität verzichtete, aber betont trockene Kommentare einflocht und “die” Entdeckung der letzten Zeit, Karolina Strassmayer. Ich hatte sie schon zu Beginn des Jahres in einem Konzert in Kölner Stadtgarten erlebt. In jeder Hinsicht ein ästhetisches Erlebnis: eine angenehme Erscheinung, ihre Musikalität und Virtuosität selbstverständlich. Man kann es kaum glauben, dass von einer Musikerin soviel Energie ausgeht. Sie spielt alles: rasende Läufe à la Charlie Parker, soulige Zwischentöne wie Cannonball Adderley, schreckt nicht vor den unteren Registern des Instruments zurück und nutzt auch die Möglichkeiten des Überblasens. Sicher auch ein Glücksfall für die WDR Big Band.

Für das Auditorium ein wunderschöner Abschluss einer Woche voll Jazz, für die Musiker des Abends die Gelegenheit, ohne die Fesseln einer Arbeit in einer Big Band zu musizieren.



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